Invisible Woman – Über die Gender Data Gap und Ansätze für mehr Gleichberechtigung

UnkategorisiertFemale Empowerment Jun 2022

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Dieser Artikel widmet sich dem kleinen Unterschied zwischen Mann und Frau und wie wir mit den Folgen der vergessenen oder gar ignorierten Frauen bei der Datenerhebung in Medizin und Wissenschaft zu kämpfen haben.

Die Geschlechter-Datenlücke, oder Gender Data Gap bzw. Gender Data Bias, durchzieht viele verschiedene Lebensbereiche, in denen die Abwesenheit des weiblichen Geschlechts besonders deutlich wird – und Frauen schlichtweg vergessen oder nicht berücksichtigt werden. Wir werfen einen Blick auf die leider noch nicht vorhandene Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern.

Gender Data Gap – eine Definition

Die Gender Data Gap bezeichnet komplett fehlende oder unzureichende Datenerhebungen für ein bestimmtes Geschlecht (zumeist Frauen) bei Verfahren zur Datenerhebung, die medizinisch, gesellschaftlich oder wirtschaftlich relevant sind und/oder ökonomische und politische Konsequenzen nach sich ziehen würden. Von medizinischen Studien bis hin zur Datenerhebung über die unbezahlte Care Arbeit – noch zu oft werden Frauen unzureichend mit einbezogen oder gar vergessen.

Eine von und für Männer gemachte Welt

Neben tief greifenden Geschlechtsunterschieden in kulturellen und ökonomischen Spaten, verbergen sich besonders in den Bereichen Gesundheit und Wissenschaft gravierende Handlungsfehler, die für die körperliche Funktionalität und Vitalität der Frau fatale Folgen haben können. Diese subtile Form der Diskriminierung zeigt sich im medizinisch-wissenschaftlichen Bereich schon alleine anhand der Tatsache, dass der männliche Körper als Synonym für den menschlichen Körper gilt. Klinische Studien wurden früher vor allem an Männern durchgeführt und Frauen wurden medizinisch über Jahrhunderte hinweg schlicht als kleiner Mann und damit ebenfalls als Variante eines männlichen Individuums gesehen.[1,2]

Ausschließlich die frauenspezifischen Vorgänge wie Schwangerschaft und Geburt wurden von dieser Diskriminierung ausgeschlossen. Gestellte Diagnosen, Behandlungskonzepte und -therapien sowie die Verabreichung von Medikamenten basieren auf lückenhaften, verzerrten Daten, in denen das weibliche Geschlecht fehlt – und das obwohl die Wissenschaft Unterschiede im Organsystem und jedem Gewebe zwischen dem männlichen und weiblichen Körper längst erkannt hat. Dabei spielen neben anatomischen Unterschieden wie die Körperzusammensetzung, die Größe und Funktion verschiedener Organe und die inneren und äußere Geschlechtsorgane auch die genetischen und hormonellen Unterschiede eine wesentliche Rolle.[3] Hier gilt hervorzuheben, dass sich anhand dieser das biologische Geschlecht nicht immer eindeutig bestimmen lässt und dass das biologische Geschlecht nicht immer mit der Geschlechtsidentität der Person übereinstimmen muss.[4,5,6] Besonders die hormonellen Unterschiede zwischen den biologischen Geschlechtern zeigen noch einmal, wie wichtig es ist, all diese Faktoren und sensiblen Unterschiede in Prävention, Diagnose, Prognose, Therapie und Rehabilitation des menschlichen Individuums zu berücksichtigen.

1 —
Cotton, P. (1992). Women’s Health Initiative Leads Way as Research Begins to Fill Gender Gaps. JAMA: The Journal of the American Medical Association, 267(4), 469.

2 —
Ruiz, M. T., & Verbrugge, L. M. (1997). A two way view of gender bias in medicine. Journal of Epidemiology & Community Health, 51(2), 106–109.

3 —
Kautzky-Willer, A. (2012). Sex and Gender Differences in Endocrinology. Sex and Gender Aspects in Clinical Medicine, 125–149.

4 —
Kirchengast, S. (2014). Physical Inactivity from the Viewpoint of Evolutionary Medicine. Sports, 2(2), 34–50.

5 —
Ainsworth, C. (2015). Sex redefined. Nature, 518(7539), 288–291.

6 —
Kautzky-Willer, A. (2014). Gendermedizin. Bundesgesundheitsblatt – Gesundheitsforschung – Gesundheitsschutz, 57(9), 1022–1030.

Die fehlende medizinische Gleichbehandlung von Mann und Frau kann fatale Folgen für die Gesundheit von Frauen haben

Besonders das Auftreten, der Verlauf und die Ausprägung von Krankheiten spielen eine Rolle, denn diese werden auch heute nicht selten noch fehldiagnostiziert – denkt man zum Beispiel an die stark abweichenden Symptomen zwischen den Geschlechtern beim Auftreten eines Herzinfarkts.[7,8]

Auch wurde längst erkannt, dass der Abbau diverser Medikamente bei Frauen aufgrund unterschiedlicher immunologischer und hormoneller Aspekte oft viel langsamer erfolgt. Dennoch fehlt trotz dieses Wissens in vielen medizinischen Gebieten eine auf die Frau angepasste Behandlung. Nicht selten kommt es aufgrund der Nichtbeachtung der eigentlich bereits erworbenen Erkenntnisse zu Überdosierungen bei der medikamentösen Therapie von Frauen, da hierbei die männlichen Dosen einfach auf die Frauen übertragen werden.[9]

7 —
Oertelt-Prigione, S., & Regitz-Zagrosek, V. (2011). Sex and Gender Aspects in Clinical Medicine. Springer Publishing.

8 —
Regitz-Zagrosek, V. (2006). Physiological and functional differences of the heart and the cardiovascular system between the genders. Gender Medicine, 3, 16.

9 —
Liu, K. A., & DiPietro Mager, N. A. (2016). Women’s involvement in clinical trials: historical perspective and future implications. Pharmacy Practice, 14(1), 708.

Gleichberechtigung durch Datenerhebung und geschlechtsspezifische Behandlung in der Medizin

Es gilt die Medizin zu personalisieren und sie in eine gender- oder geschlechtsspezifische Medizin umzuwandeln. Das medizinische Handeln muss sensibilisiert werden, um den Fokus auf die Bedürfnisse der Patientinnen zu fördern.[10] Das medizinische Bild von Gesundheit und Krankheit wurde bisher eindeutig androzentrisch geprägt, von welchem die Gender Medizin durch die Betrachtung des ganzheitlichen Bildes der Frauengesundheit aufmerksam machen möchte. Sie fordert Sex und Gender als relevante Faktoren in jeden Versuchsaufbau und jede Analyse, sofern sie beide Geschlechter betrifft, einfließen zu lassen, um bei Prävention, Diagnose, Therapie und Prognose von Krankheiten die richtige Beurteilung geben zu können. Somit können in einem binären Gechlechtermodell alle Vorstellungen eines vielfältigen Zusammenspiels möglicher Sex- und Genderkategorien berücksichtigt werden, beginnend bei den Zellversuchen im Labor bis hin zu klinischen Studien am Individuum.[11]

Auch die U. S. Food and Drug Administration (FDA) befürwortet diese Integration von Genderaspekten in die Medikamentenentwicklung und Arzneimitteltherapie. Durch die Teilnahme von Frauen an klinischen Studien soll genau hier ein besseres Verständnis für diese geschlechtsspezifischen, biologischen Unterschiede geschaffen werden.[12] Die Erhebung geschlechter spezifischer Daten ist für die Gleichstellung der Geschlechter unerlässlich. Um fatale gesundheitliche Folgen für die Frau zu verhindern, gilt es, die Verzerrung wissenschaftlicher Studien zukünftig an die Realität anzupassen und dem weiblichen Geschlecht so nicht nur eine Stimme zu geben.

Eine unterschiedliche Herangehensweise in der praktischen Behandlung von Patientinnen ist längst überfällig und soll korrigiert werden. Es muss also nicht nur das Bewusstsein für die Gender-Medizin im medizinisch-wissenschaftlichen Bereich geweckt werden, sondern gleichzeitig auch das Verständnis für genau diese geschlechter sensitiven Unterschiede durch eine geeignete, nicht verzerrte Darstellung gefördert werden.

Um ein repräsentatives Bild der Gesellschaft besonders für den Bereich der medizinischen Anwendung zu erhalten und die seit jeher bestehende Kluft zwischen den Geschlechtern zu schließen, sind neue politische Maßnahmen zum Aufbau einer egalitären und heterogenen wissenschaftlichen Gemeinschaft und Gesellschaft erforderlich.[9] Es gilt die existierenden Datenlücken zu schließen und ein klares Gesamtbild zu schaffen, welches beide Geschlechter berücksichtigt.

Schließe dich unserer Zyklus Awareness Bewegung an und kämpfe gemeinsam mit uns für mehr Frauengesundheit.

10 —
Oertelt-Prigione, S., & Hiltner, S. (2019). Medizin: Gendermedizin im Spannungsfeld zwischen Zukunft und Tradition. Geschlecht und Gesellschaft, 741–750.

11 —
Short, S. E., Yang, Y. C., & Jenkins, T. M. (2013). Sex, Gender, Genetics, and Health. American Journal of Public Health, 103(1), 93–101.

12 —
Regitz-Zagrosek, V. (2012). Why Do We Need Gender Medicine? Sex and Gender Aspects in Clinical Medicine, 1–4.